Portugal, an der Atlantikküste im äußersten Südwesten Europas gelegen, ist bekannt für seine reiche Geschichte, seine lebendige Kultur und seine herzliche Gastfreundschaft. Als eines der ältesten Länder Europas vereint es traditionsreiche Städte, beeindruckende Küstenlandschaften und eine moderne, offene Gesellschaft, auch heute noch getragen von der erfolgreichen Nelkenrevolution, mit der 1974 die autoritäre Diktatur gestürzt und ein demokratisches System aufgebaut wurde.

Porto, die zweitgrößte Stadt des Landes, liegt im Norden Portugals am Fluss Douro und gilt als kulturelles und wirtschaftliches Zentrum der Region. Die Stadt zeichnet sich durch ihre historische Altstadt, schmale Gassen, farbenfrohen Häuserfassaden und die imposanten Brücken aus, die Porto mit Vila Nova de Gaia verbinden. Porto findet sich im Namen seines weltberühmten Portweins wieder und hat war auch namensgebend für das ganze Land. Ein inspirierender Ort also für interkulturelle Erfahrungen und Begegnungen – ideal für ein Erasmus-plus-Abenteuer.
Im Oktober habe ich also meinen Rucksack gepackt und los ging es. 11 Züge und drei Tage später war ich in Porto angekommen und wurde von neun Lehrkräften aus Italien, der Tschechischen Republik, Polen und Litauen sowie unserem Fortbildner aus Portugal begrüßt.
An zwei Tagen haben wir vertiefte Einblicke in das Portugiesische Schulsystem erhalten und an drei Tagen haben wir verschiedene Schulen in Portugal besucht. In Portugal sind Schulen in großen Clustern organisiert. Die beiden Cluster die wir kennen gelernt haben, bestanden aus fünf Grundschulen und einem großen Sekundarschulzentrum. Die meisten Lehrkräfte arbeiten an einer einzelnen Schule im Cluster, einige sind aber auch an verschiedenen Schulen tätig. Das System mit einer übergeordneten Schulleitung und Koordinatoren an den verschiedenen Standorten kam mir als Berufsbildner sehr vertraut vor. Die meisten Schülerinnen und Schüler verbleiben die gesamte Schulzeit in einem solchen Cluster, sie haben aber auch interessengeleitet die Möglichkeit, in eine Schule eines anderen Clusters zu wechseln. Durch die hohe Verbleibquote wird die Schullaufbahn der einzelnen Schülerinnen und Schüler sehr sicher koordiniert und präventiv gegen Absentismus und frühzeitigen Schulabbruch in Multiprofessionellen Teams zusammengearbeitet.
In Portugal wird deutlich weniger separiert als in Deutschland. Viele Jahre bestimmt allein das Alter die Klassenzugehörigkeit. Eigenständige Sonderschulen gibt es keine, in den Sekundarschulen integriert jedoch Lern- und Lebensbereiche für Schülerinnen und Schüler mit Behinderungen, wo individuell gefördert wird und auch eine Vielzahl an Assistenzen (Pflege, Hauswirtschaft) tätig sind. Wann immer möglich nehmen die Schülerinnen und Schüler aber begleitet von Assistenzen am Unterricht in ihrem Klassenverband teil und sind dadurch deutlich sichtbarer als in Deutschland, was Vorurteilen erfolgreich entgegenwirkt.
Ab der 9. Klasse haben die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit sich interessengeleitetet zu spezialisieren und neben allgemeinbildenden Fächer auch berufsvorbereitende Angebote zu nutzen. Zu meiner großen Überraschung waren in beiden besuchten Schulen hierbei besonders die Angebote mit einem Fokus auf Sport besonders beliebt. An einer Schule erklärte sich dieses allein schon daraus, dass Sie einige der bekanntesten Fußballer des Landes wie Vitinha, Diogo Dalot und Jao Felix zu ihren ehemaligen Schülern zählen können. So fühlte man sich in der Sporthalle aus den 60er Jahren ein bisschen wie auf heiligem Boden.
Die intensiven Gespräche mit Schülerinnen, Schülern, Lehrkräften und weiteren Mitarbeitenden der Schulen machten sehr deutlich, dass nicht moderne Schulgebäude, sondern viel mehr die Haltung und das Engagement entscheidend sind, wenn es darum geht, junge Menschen auf ihrem Weg ins Leben zu begleiten. Da unterscheiden sich die Schulsysteme in den verschiedenen Ländern Europas nur wenig. Die Leidenschaft, mit der die portugiesischen Lehrkräfte sich für den Bildungserfolg ihrer Schülerinnen und Schüler einsetzen, hat mich sehr beeindruckt, insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Jugendarbeitslosigkeit in Portugal mit 18 % sehr hoch ist und die Lehrkräfte ihre Schülerinnen und Schüler in einem deutlich höheren Maß über ihrer Beziehungsarbeit motivieren müssen. Vielleicht war das die wichtigste Erkenntnis, die ich aus meiner Erasmus Fortbildung mitnehmen konnte: Wenn die Zukunft unsicher ist, kommt es in der Pädagogik auf das hier und heute an.
Ein Bericht von Nian Busse


Bildung braucht Zusammenhalt


